Samstag, 5. Februar 2011

Es ist wie es ist ...


Über Michael Busch, den Geschäftsführer der zur Douglas Holding gehörenden Buchhandelskette Thalia, konnten wir vor mehr als zwei Jahren Folgendes in der Süddeutschen Zeitung lesen:
Busch definiert seinen Job über das Geld, das er macht, und nicht über die Bücher, die er vertreibt, um das Geld zu machen. Sie sind seinem Herzen ferner.
Man merkt es, wenn man im Laufe eines langen Gesprächs die Namen Hans Henny Jahnn und Warlam Schalamow fallen lässt und er sie nicht kennt. Jahnn hatte in den 50er Jahren "Fluss ohne Ufer" veröffentlicht, eine großartige Romantrilogie, von Schalamow erschienen zuletzt mehrere schonungslose Gulag-Geschichten.
Der Normalbürger muss nun über die beiden gar nicht Bescheid wissen, doch für einen in der Literaturbranche Tätigen gehört es zum Einmaleins - gehörte es.

Birg Meinhardt: An der Kette - Süddeutsche Zeitung, 14. (?) Okt. 2009, online abrufbar unter: Kurt-Wolff-Stiftung reporter-forum
Das ist die Frage - Präsens oder Präteritum, gehört oder gehörte, großes oder kleines Einmaleins? Im Hinblick auf Jahnn und die im Literaturbetrieb tätigen MitarbeiterInnen der Süddeutschen Zeitung tendiere ich nach Lektüre der gestrigen SZ (4. Februar 2011) in der Tat zum Präteritum. Denn in dem Artikel "Der Weltverbesserer" von Benjamin Heinrichs*, erschienen aus Anlass des 80. Geburtstages von Thomas Bernhard am 9. Februar, lesen wir:
Kirsten Dene zitiert: "Es ist, wie es ist, und es ist fürchterlich." Hat man diesen Bernhard-Satz erst gesagt, in all seiner bauernhaften Schlichtheit und Großartigkeit, ist es schon nicht mehr, wie es ist. Nicht mehr so fürchterlich.
Quelle: Süddeutsche Zeitung, 4. Februar 2011, S. 3
Ein Bernhard-Satz? Werfen wir einfach einmal einen kurzen Blick in Hans Henny Jahnns "Fluß ohne Ufer" bzw. - um genau zu sein - in die "Niederschrift des Gustav Anias Horn". Im Monat Mai schreibt er:
Und während sich das meinem Auge Wunderbare vollzieht, vermehren sich die Raubzüge aller Lebewesen gegen den Schwächeren, der gefressen wird. [...] Es ist keine Schuld, der Schwächere zu sein. Es ist Schicksal. Und so dampft der Schmerz in den Duft des Frühlings hinein. Die warmen Ströme der Luft schmecken fade. Es ist, wie es ist. Und es ist fürchterlich. Und die Blinden danken Gott dafür. Und die Abtrünnigen danken ihm nicht. Sie leben ihr wüstes Leben, ohne zu danken.
Hans Henny Jahnn. Fluß ohne Ufer. Hamburg: Hoffmann und Campe. 1986. S. 778
Ein "Jahn-Satz" also - aber auch ein "Bernhard-Satz"? Thomas Bernhard hat vermutlich Jahnn zitiert, sollte er den Satz wirklich einmal geschrieben haben. Aber wo? Die Google-Buchsuche liefert keine Treffer.
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* In dem sich solch bernhardsche Sätze finden wie: "Es sind ja Bernhards Schriften für die Bernhard-Gemeinde tatsächlich beinahe heilige Schriften. Es sind ja die Bernhardianer, was die Glaubensfstigkeit und die Suchtgefahr angeht, allenfalls mit den Wagnerianern zu vergleichen."